1933-1945 Täter und Mitläufer


1933-1945 Täter und Mitläufer


SS-Obergruppenführer Prinz zu Waldeck und Pyrmont

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Die Kollektivschuldthese
Auf einer Konferenz im Jahr 1944 überlegten amerikanische Psychologen, wie es zum Holocaust und den Nazi-Verbrechen kommen konnte. Für die beteiligten Anthropologen und Sozialwissenschaftler, darunter Margaret Mead, Kurt Lewin und Erich Fromm, stand fest, daß der Charakter jedes einzelnen Deutschen durch eine schwere geistige Krankheitdeformiert sei. Sie konstatierten eine Art Paranoia, ein kollektives neurotisches Abweichen von normalen Verhaltensmustern. Daraus entwickelte sich die These: Alle Deutschen waren schuldig.

Die Mitarbeit der Fachkräfte und Experten in der Verwaltung trug dazu bei, daß die nationalsozialistische Herrschaft so fest etabliert wurde und daß das Regime so reibungslos funktionierte. Die entscheidenden Maßnahmen, auf die es Hitler und seiner Gefolgschaft in Reich und Ländern ankam, wurden lückenlos durchgeführt, auch wenn sich die Beamten innerlich gegen sie auflehnten

Zu den Tätern können nicht nur die gerechnet werden, die direkt mit dem Morden zu tun gehabt haben, sondern auch diejenigen, die die Voraussetzungen für das Massensterben schufen. Das waren einerseits die bekannten Nazigrößen, Sauckel, Himmler und andere zum anderen diejenigen, die in den Ministerien und Verwaltungen die entsprechenden Verordnungen und Erlasse ausarbeiteten.

Wie ging Deutschland mit den Tätern um
Wofür man hier in der Bundesrepublik bestraft wird, oder nicht bestraft wird, kommt darauf an, wer das Opfer ist. Ist es jemand angesehenes, hochgestelltes, bekanntes, berühmtes? Oder ist es einfach nur ein Mensch, der auch gerne gelebt hätte?

Politik
Franz-Josef Strauß (Bayerischer Ministerpräsident)
Zitat in der Frankfurter Rundschau, 13. September 1969
Ein Volk, das diese wirtschaftlichen Leistungen vollbracht hat, hat ein Recht darauf, von Auschwitz nichts mehr hören zu wollen

der deutsche Bundestagsabgeordnete Wolfgang Hedler 1949:
"Man macht zuviel Aufhebens von der Hitlerbarbarei gegen das jüdische Volk. Ob das Mittel, die Juden zu vergasen, das gegebene gewesen sei, darüber kann man geteilter Meinung sein. Vielleicht hätte es andere gegeben."Wolfgang Hedler gehörte der im Adenauer-Kabinett mitregierenden Deutschen Partei an. Die schloss ihn erst nach langemZögern aus. Hedler wurde daraufhin der Volksverhetzung angeklagt, aber in erster Instanz freigesprochen. Nach dem Urteil wurde er auf der Straße von jubelnden Menschen gefeiert. Der SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher kritisierte den Ausgang des Prozesses allerdings scharf.

Die Mörder des Dritten Reichs
Als wäre nichts geschehen, als hätten sie nicht kurz zuvor noch 6 Millionen Juden und eine halbe Million Sinti und Roma gemeuchelt und gemordet, als hätten sie nicht die schlimmsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte begangen, machten sie nach 1945 in der jungen Bundesrepublik wieder Karriere: Die Mörder des Dritten Reichs. Gedeckt und protegiert wurden sie unter anderem von der deutschen Justiz, welche die Strafen, die von den alliierten Gerichten zuvor verhängt worden waren, herabsetzte, die Anklagen verschleppte und die Mörder freisprach. Lebensläufe wurden schamlos geschönt und gefälscht und die braunen Flecken in der Firmengeschichte getilgt. Die braunen Seilschaften garantierten Karrieren in Wirtschaft, Justiz und Politik.

Am 29. Juni 1961 beschloß der Bonner Bundestag, daß auch alle Angehörigen der ehemaligen SS-Verfügungstruppe, die am 8. Mai 1945 länger als zehn Jahre im Dienste Himmlers und Hitlers standen, versorgungsberechtigt sind. Dieser Beschluß öffnete Tausenden Judenmördern und KZ-Henkern den Weg in den westdeutschen Staatsapparat.

In den Behörden und Ministerien der Republik, die sich nun auch wieder bewaffnete, wurde es schon üblich, daß belastete Beamte von ehedem erneut aufstiegen allen voran Kanzler Adenauers Chefberater und Staatssekretär Hans Globke. Der Jurist, der 1935 die nationalsozialistischen Rassengesetze im Sinne des Regimes kommentiert hatte, blieb 14 Jahre auf seinem Bonner Posten, und die Opposition im Deutschen Bundestag beließ es bei Verbalprotesten. Des Staatssekretärs Vergangenheit sei, rechtfertigte ihn der Regierungschef, schon von den Alliierten minutiös nachgeprüft worden.

Das Musterbeispiel einer makellosen Nachkriegskarriere lieferte der ostfriesische Arzt Theodor Werner Scheu, der 1941 als SS-Reitersturmführer bei einer eigenmächtigen Abschreckungsaktion (Scheu) 220 litauische Juden erschießen ließ und auch selbst schoß, 1960 enttarnt werden konnte und vom Schwurgericht Aurich zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt wurde: Dr. Scheu hatte es bis dahin zum Amtsarzt im Nordseebad Borkum und zum Besitzer eines Kindersanatoriums wie eines privaten Kinderheims Möwennnest gebracht, war Aufsichtsarzt im Städtischen Krankenhaus, Mitglied des Kurbeirats und Vorsitzender des Reitervereins geworden.
und
Der SS-Hauptsturmführer und KZ-Arzt in den Konzentrationslagern Mauthausen, Natzweiler-Struthof und Sachsenhausen Dr.
Heinz Baumkötter vor 1945 an Menschenversuchen im KZ-Sachsenhausen beteiligt, konnte nach 1945 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Chemie Grünenthal GmbH, Büro Münster (Conterganverbrechen) sein Wissen weitergeben. Was daraus wurde hat die Welt zu sehen bekommen.

Militär
SS-Sturmbannführer
Zill Egon Gustav Adolf lebte nach 1945 unter dem Namen Willi Sonntag in Dachau
Aussage eines Überlebenden
Oberkapo im Arbeitskommando Garagenbau. Als die Truppe des Arbeitskommandos am 18.November 1940 morgens das Lagertor passierte, deutete Zill auf zwei Häftlinge und sagte, dass er die beiden abends nicht mehr sehen wolle. Bei der Rückkehr am Abend fuhr die Truppe dieses Arbeitskommandos die beiden auf Schubkarren tot ins Lager zurück.
Als Kapp das Eintreffen mit den zwei Toten meldete, soll Zill geantwortet haben: Das nenne ich mir eine prompte Befehlsausführung. Wenig später wurde Kapp dann Lagerältester und erreichte damit die höchste Position, die ein Funktionshäftling haben konnte.
Er hat für die Verbrechen 2 Jahre Haft verbüßt. Es darf aber nicht vergessen werden, wer zur damaligen Zeit über Recht und Unrecht entschieden hat. Zill lebte bis zu seinem Tod in Dachau, den Ort seiner Verbrechen, hier besuchte er regelmäßig den Ort seiner Verbrechen, was mag in den Opfern vor sich gegangen sein diese Bestie zu sehen. Wie Verblendet und gefühlskalt muß dieser Mörder gewesen sein.

Ärzte
Es wird geschätzt, dass 45 Prozent aller deutschen Ärzte Mitglieder in der NSDAP waren. Das war die höchste Quote innerhalb eines Berufszweiges. Der Nationalsozialismus, so Rudolf Hess, war einfache angewandte Biologie. Deutsche Ärzte sollten dabei die Rolle der Selektierenden übernehmen, um die deutsche Rasse von all dem zu heilen, was ihr schaden könne. Viele waren mit Enthusiasmus und Elan bis zum Ende dabei, ohne eine Spur von Mitleid und Reue zu zeigen. Nach dem Krieg wurden viele dieser Ärzte Mitglieder in der World Medical Association, wurden sogar in leitende Positionen gewählt, und sie praktizierten weiter Medizin. Auch in Deutschland.

Auffallend oft gelangten ehemalige Polizeibeamte auch ohne Decknamen wieder in den alten Dienst. Der 1961 verhaftete Kohlenzer Kriminaloberst Georg Heuser, Leiter des rheinlandpfälzischen Landeskriminalamtes, dem die Kollegen untadeliges Verhalten bescheinigten und Blumen in die Untersuchungshaft schickten, war ehedem Leiter eines Exekutionskommandos an der Ostfront, ebenso der ein Jahr zuvor festgenommene Leiter der Gießener Schutzpolizei, Hans Hoffmann, bei dessen Prozeß (Urteil: dreieinhalb Jahre Haft) sich herausstellte, daß fast alle der vierzig Zeugen aus der alten Hoffmann-Einheit wieder aktive Ordnungshüter geworden waren.

Zum Leiter der Polizei-Abteilung beim Regierungspräsidenten von Hannover stieg nach dem Krieg der frühere Polizeimajor und RSHA-Referatsleiter Friedrich Pradel auf. Ihm hatte die Stadt Hannover 1945 die fadenscheinige Behauptung abgenommen, er habe ein ihn belastendes Dokument seinerzeit lediglich abgezeichnet, jedoch nicht gelesen. Erst spätere Recherchen der Ludwigsburger Fahnder ergaben, daß Pradel, 1966 zu sieben Jahren verurteilt, einer der Erfinder der fahrbaren Gaskammern war und den Konstruktionsbericht für jene Todeswagen genehmigt hatte, die ab 1941 zur Ermordung polnischer Juden verwendet wurden.

Hamburger Polizeibataillone
Da die Mörder durch die strengen Datenschutzreglungen in der BRD geschützt wurden, durften die Namen der Täter lediglich in Dokumente außerhalb der BRD veröffentlicht werden. Der Schutz der Täter ging in Hamburg so weit daß eine Ausstellung der Hamburger Polizei über die Verbrechen der Hamburger Polizeibataillone zuerst ausschließlich für Polizisten zugänglich war, angebl. aus datenschutzrechtlichen Gründen. Erst auf Druck hin wurde erreicht, daß die Ausstellung, ein wenig entschärft, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde.

Industrie
Wenig bekannt ist, dass die eng mit der faschistischen Führungsclique verbundenen Konzernherren Quandt die aus der Zwangsarbeit gepressten Kriegsgewinne in der Nachkriegszeit in ihre bedeutenden Anteile an dem Automobilunternehmen BMW umwandeln konnten, wo ihre Nachkommen heute Hauptaktionäre sind.


Polizei u. Justiz
In keiner Behörde, wurden Strukturen Personalpolitik und Organisation so ungebrochen fortgesetzt wie bei Polizei u. Justiz. Kaum einer der Hauptverantwortlichen für den Völkermord an Sinti u.Roma war je zur Verantwortung gezogen worden. Im Gegenteil, viele Beamte die während des dritten Reiches beim Reichsicherheitshauptamt direkt an der Verfolgung und Deportation von Zigeunern beteiligt waren, wurden nahtlos in Dienststellen der BRD übernommen und stiegen dort die Karriereleiter hinauf. Bezeichnend, die polizeiliche Neuerfassung überlebender Sinti u. Roma, wurde im LKA München mit altem Personal weiterbetrieben. Es waren die gleichen Beamten,die bis 1945 für die Deportationen von Zigeunern aus Bayern in die KZs und Arbeitslager zuständig gewesen waren. Hans Eller,Georg Geyer, August Wutz und Josef Eichberger setzten unter Verwendung von altem NS-Aktenmaterial (Rassegutachten-Deportationsunterlagen und Merkmalskarteien) die erneute Sondererfassung - Diskriminierung u. Ausgrenzung fort. So betrieben die Landfahrerzentralen nicht nur eine Totalerfassung aller überlebenden Sinti u. Roma, sondern führten auch in ihrer polizeilichen Ausbildung und Schulung rassistisches Denken u. tradierte Vorurteile durch Vorträge so genannter
"Zigeuner-Experten" aus dem ehemaligen RSHA fort.

Bei der Münchner Kriminalpolizei gab es bereits 1946 wieder eine Abteilung für Zigeunerfragen. Diese Abteilung übernahm nicht nur die Akten der 1899 gegründeten "Zigeunerzentrale", sondern zum Teil auch altes Personal der NS-Dikatur. Am 14. Oktober 1953 beschloss der Bayerische Landtag eine "Landfahrerordnung" die sich vom "Zigeunergesetz" von 1926 kaum unterschied. Sie entsprach dem nach wie vor grassierenden Geist der Diskriminierung, der auch in einem Urteil des Bundesgerichtshof von 1956 zu Tage tritt: "Zigeuner neigen zur Kriminalität, besonders zu Diebstählen und Betrügereien. Es fehlen ihnen vielfach die Antriebe zur Achtung vor fremdem Eigentum, weil ihnen wie primitiven Urmenschen ein ungehemmter Okkupationstrieb eigen ist." Erst 1970 wurde die entsprechende Landfahrerordnung wegen Unvereinbarkeit mit dem Grundgesetz aufgehoben Noch 1999 wurde bekannt das die bayerische Polizei in einer gesonderten Kartei immer noch Daten über Sinti und Roma gesammelt hatte, und zwar unabhängig davon ob gegen die betreffenden Personen polizeilich ermittelt wurde oder nicht.

Die "Verkürzung lebensunwerten Lebens",erkannte das Landgericht Hamburg am 19. April 1949, könne keinesfalls eine "Massnahme genannt werden, welche den allgemeinen Sittengesetzen widerstreitet". Dr. med. Lotte A., die 14 Kinder getötet und das auch zugegeben hatte, wurde "ausser Verfolgung gesetzt". Das Urteil sprach ein Richter, der vormals Kreisleiter der NSDAP in Bielefeld gewesen war. Lotte A.
praktizier te bis 1986.

1957 entschied das Dortmunder Landgericht, alle Ermittlungsverfahren gegen das Mitglied der Waffen-SS,
Bikker Herbertus (Schlächter von Ommen) einzustellen. Er habe "in rechtmäßiger Ausübung unmittelbaren Zwangs gehandelt", als er die Gefangenen im "Arbeitseinsatzlager Erika" im niederländischen Ommen quälte.