Soldmann Fritz

* 08.03.1878

geb. Ort
Lübeck

geb. Land
Deutschland, Bundesland Schleswig-Holstein, Kreisfreie Stadt Lübeck

Todes Tag
31.05.1945

Todes Ort/Land
Wolkramshausen Ortsteil Wernrode
Deutschland, Bundesland Thüringen, Landkreis Nordhausen, Verwaltungsgemeinschaft Hainleite

Wohnort seit 1903
Schweinfurt
Deutschland, Bundesland Bayern, Regierungsbezirk Unterfranken, kreisfreie Stadt Schweinfurt

Eltern
Karl Soldmann und Dorothea Soldmann geb. Insten
Karl Soldmann stammte aus dem Dorf Scheuder im Kreis Dessau, wo die Familie seit Generationen ansässig war als Kleinbauern, die nebenher das Schneiderhandwerk ausübten.
Auf der Walz lernte Karl Soldmann in Lübeck Dorothea Insten kennen, die ebenfalls kleinbäuerlicher Herkunft war und ihren holsteinischen Heimatort verlassen hatte, um sich als Dienstmädchen zu verdingen. Mit seinen beiden jüngeren Geschwistern Anna und Karl, sein älterer Bruder Franz war an einer Kinderkrankheit gestorben, verlebte Fritz Soldmann eine glückliche Kindheit, die allerdings mit dem frühen Tod der Mutter 1884 ein jähes Ende fand. Da der Vater die Kinder nicht allein versorgen konnte, wurde Anna zu den Großeltern mütterlicherseits gebracht, während Fritz und Karl zu den Brüdern seines Vaters nach Scheuder kamen. Es folgten harte Jahre für Fritz weil er in der kinderreichen Pflegefamilie vor allem als Arbeitskraft in der Landwirtschaft betrachtet wurde und man auf seine Bedürfnisse wenig Rücksicht nahm – kein seltenes Schicksal von Kindern damals.

Beruf des Vaters
Schneider

Volksschule
8 Jahre

erlernter Beruf Schuhmacher
Nach dem Ende seiner Volksschulzeit erlernte Fritz Soldmann das Schumacherhandwerk. Auch verspürte er zumindest in jungen Jahren nicht den Hang zur Sesshaftigkeit, den er in seiner Familie für ziemlich ausgeprägt hielt. Nach Beendigung der Lehre, begab er sich auf ausgedehnte Wanderschaft, die ihn durch zahlreiche deutsche Städte, aber z.B. auch nach Zürich, Wien und Kopenhagen führte. In diesen Jahren bildete er sich an Volkshochschulen weiter, betätigte sich aber auch im Schuhmacherverband, indem er an der Gründung von Ortsgruppen mitwirkte und Streiks organisierte. Daß manch Arbeitsverhältnis deshalb frühzeitig beendet wurde, beeindruckte ihn offensichtlich nicht.

1897
Eintitt in die SPD und den freien Gewerkschaften

1903
Arbeit in der Schuhfabrik Silberstein und Neumann in Schweinfurt
Vorsitzender der Filiale des Schumacherverbandes in Schweinfurt

1904
1. Ehe mit Anna Wolf aus Weyer. Sie bekamen drei Kinder Agnes, Karl und Fritz, die nach dem sehr frühen Tod ihrer Mutter einige Jahre lang von einer Haushälterin versorgt wurden.

1905
2. Ehe mit Dora Böhm, die Kinder aus erster Ehe, wachsen mit den beiden gemeinsamen Kindern Oskar und Elsa auf. Für den unehelichen
Sohn von Dora erstritt Fritz Soldmann die rückständigen Alimente.

1905-1909
Vorsitzender des Gewerkschaftskartells.

1912-1919
Gemeindebevollmächtigter in Schweinfurt

ab 1913
Angestellter der Schweinfurter AOK

1914-1933
nebenamtlicher Vorsitzender der Schweinfurter AOK

1915-1917
Soldat im ersten Weltkrieg

1917
Wechsel von der SPD zur USPD

07.11.1918
Am Abend des 07.11.1918 – also einen Tag vor der Revolution im Reich – rief Kurt Eisner in München die Republik aus: „Bayern ist ein Freistaat!“
Die Nachricht von der Revolution in München verbreitete sich auch in Schweinfurt wie ein Lauffeuer. Es kam zu einer Volksversammlung auf dem Marktplatz, die den nach dem Münchner Vorbild gebildeten Arbeiter- und Soldatenrat unter dem Vorsitz von Fritz Soldmann bestätigte. Vom Rathaus wurde verkündet, dass die Arbeiter und Soldaten nun die Macht übernommen hätten.
Unter Jubelrufen ging der Demonstrationszug zum Rossmarkt – dort hielt Fritz Soldmann eine Rede:
„Volksgenossen, Volksgenossinnen!
Große Ereignisse haben sich in den letzten Tagen abgespielt; dank des kräftigen Zugreifens des Proletariats, des Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrats, hat das deutsche Volk seine Geschicke selbst in die Hand genommen. Reaktionäre Bestrebungen einer bestimmten Klasse haben bereits eingesetzt, um unsere Errungenschaften uns wieder zu entreißen. Schwere Kämpfe wird es uns in den nächsten Tagen kosten, um das bis jetzt Errungene zu halten.

Volksgenossen, Volksgenossinnen jetzt gilt es alle Kräfte in Stadt und Land zusammen zu fassen, um die Gegenbestrebungen zu unterdrücken.
Der Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrat in München hat bereits durchgesetzt, dass die Dynastie Wittelsbach zurückgetreten ist. Wir verlangen aber auch, dass die Hohenzollern und übrigen Dynastien in Deutschland abgesetzt werden.
Ferner, dass das Militär auf die Verfassung vereidigt wird, denn es darf nicht länger einzelnen Machthabern unterstellt sein. Die Zeiten sind vorbei, auf Vater und Mutter zu schießen, wenn es befohlen wurde.
Es ist nachgewiesen, dass die Schuldigen am Ausbruch des Krieges nicht allein in London, Paris, Rom und Petersburg, sondern auch in Berlin zu suchen sind.

Das Proletariat wird beantragen, dass ein Reichsgerichtshof eingesetzt wird, zur Feststellung und Bestrafung der Schuldigen. Der Krieg hat es mit sich gebracht, dass viele Millionen unserer Volksgenossen in kühler Erde ruhen. Neuerdings haben es einige ehrgeizige Führer versucht, durch einen Aufruf an das deutsche Volk, den Krieg weiter zu führen und nochmals Hunderttausende zu opfern. Wir haben es deshalb begrüßt, dass die Marinemannschaften in Kiel, Hamburg, Bremen und Lübeck die Sache selbst in die Hand genommen und dem Treiben Einhalt geboten haben. Auch in der Stadt München hat sich wie in den Städten Kiel etc. ein Soldatenrat gebildet, mit dem wir uns solidarisch erklären. Wir haben anschließend auch hier einen Arbeiter und Soldatenrat gebildet und stellen folgende Forderungen:
Vereidigung der Mannschaft des Soldatenstandes auf die Volksregierung
Einführung des Achtstundentages Entlassung aller reaktionären Elemente aus den Körperschaften
Einzug und Abhebung der Fideikommisse und Sonderrechte
Ausbau der Wohlfahrtspflege und Arbeiterversicherungen
überhaupt alle Erleichterungen auf sozialem Gebiet.
Der gebildete Arbeiter- und Soldatenrat tritt nach der Versammlung im Rathaussaal zu einer Sitzung zusammen, um seine gefassten Beschlüsse der hiesigen Behörde zu unterbreiten.“

00.11.1918-00.04.1919
Zweiter Vorsitzender der zentralen Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte Bayerns

00.04.1919
Volksbeauftragter für das Innere in München in der Bayerischen Räterepublik
Nach der Zerschlagung der Räterepublik durch Freikorpseinheiten wurde Soldmann für drei Monate interniert.

13.04.1919
Fritz Soldmann wird von Putschisten der „Republikanischen Schutztruppe“ in München festgenommen und erst in Landau, dann in Ebrach inhaftiert. Er wird wegen Hochverrat und Landfriedensbruch angeklagt, dann aber doch freigesprochen. Nach seiner Entlassung im Juli 1919 kehrt Fritz Soldmann nach Schweinfurt zurück.

bis 1933
Stadtrat in Schweinfurt

1919-1924
ehrenamtlicher dritter Bürgermeister in Schweinfurt

1919-1923
zunächst USPD-Landesparteisekretär, dann USPD- bzw. SPD-Bezirksparteisekretär mit Sitz in Schweinfurt

00.06.1920
Bei den Reichstagswahlen im Juni 1920 wurde Soldmann als Kandidat der USPD für den Wahlkreis 29 (Franken) in den Reichstag gewählt, dem er zunächst bis 1924 angehörte. 1922, noch während der ersten Legislaturperiode der Weimarer Republik, kehrte Soldmann zur SPD zurück. Im Reichstag trat er zu dieser Zeit in die SPD-Fraktion über. Ferner begann Soldmann ab 1922 für die SPD als Landesparteisekretär in Bayern zu arbeiten, ehe er von 1924 bis 1933 abermals als Arbeitersekretär in Schweinfurt amtierte. Bei den Reichstagswahlen im Juli 1932 wurde Soldmann erneut in den Reichstag gewählt, dem er in der Folge bis ins Jahr 1933 als Abgeordneter der SPD für den Wahlkreis 26 (Franken) angehörte

Seit 1933
mehrfach Hausdurchsuchungen, nach Haftentlassungen Meldepflicht bei der Polizei

00.03.1933 und 00.06.1933
bei Hausdurchsuchungen Beschlagnahmung von Büchern

09.03.1933-01.05.1933
Gerichtsgefängnis Schweinfurt
Obwohl Soldmanns Parlamentsmandat bei den Reichstagswahlen vom März 1933 bestätigt wurde, wurde er ungeachtet seiner Immunität als Parlamentarier in Schutzhaft genommen. An der Abstimmung über das Ermächtigungsgesetz, das die juristische Grundlage für die Errichtung der NS-Diktatur bildete, konnte er infolge seiner Inhaftierung nicht mehr teilnehmen.

00.06.1933
als Arbeitersekretär beim Freien Deutschen Gewerkschaftsbund entlassen

01.06.1933-23.06.1933
Gerichtsgefängnis Schweinfurt

24.06.1933-24.08.1934
Konzentrationslager Dachau
Im Büro des Lagerarztes legt Fritz Soldmann eine umfangreiche Patientenkartei an. Mit seiner Familie hielt er brieflichen Kontakt – laut Lagerordnung durften die KZ-Häftlinge pro Woche einen Brief oder eine Karte von ihren Angehörigen empfangen.
Nach seiner Entlassung aus Dachau forderte die Gestapo ihn auf mit seiner Familie Schweinfurt zu verlassen und sich außerhalb Bayerns niederzulassen. Er übersiedelte, weiterhin ständig polizeilich überwacht, nach Magdeburg, später nach Berlin, dann nach
Erfurt. Ende 1935 kehrte er wieder nach Schweinfurt zurück. Den Lebensunterhalt für seine Familie verdiente er in dieser Zeit als Vertreter für Tabakwaren, da er keinerlei Rente oder Pension erhielt. Den Nazis erschien diese Tätigkeit höchst verdächtig, da sie Soldmann als politisch unzuverlässig einstuften. Zwar konnten sie ihm, wie es in einem Fernschreiben an die Gestapo vom 09.09.1936 heißt, bis dahin keine illegalen Handlungen nachweisen. „Doch steht fest, dass er seine ehemaligen Gesinnungsgenossen immer wieder aufsucht und auch mit diesen öfters Verkehr pflegt. Bei den wiederholten Vernehmungen gab er an, dass er bei diesen Personen nur Bestellungen auf Zigarren aufsuche, bzw. sich von diesen Leuten in Geschäften und Wirtschaften empfehlen lasse.“

00.11.1936-1937
Nach einer Denunziation (Weil er sich in einem Gespräch mit einigen Soldaten nach deren Ausrüstung erkundigt habe), wurde er vor dem Sondergericht Bamberg wegen Verächtlichmachung der Reichsregierung und Wehrkraftzersetzung angeklagt, jedoch mangels Beweisen freigesprochen. Nach seiner Entlassung entzog man ihm den Gewerbeschein, so dass er nicht mehr im Tabakhandel tätig sein konnte. Eine Stellung in der Strohhülsenfabrik bei Gemünden – die Gestapo in Aschaffenburg wurde umgehend informiert, das Soldmann „trotz seines Alters ein äußerst gefährlicher Staatsgegner“ sei, mußte er nach kurzer Zeit wieder aufgeben. Da er keinerlei staatliche Unterstützung erhielt, war er nun auf Zuwendungen von seinen mittlerweile erwachsenen Kindern angewiesen.


07.09.1938
A-Kartei (Gruppe 2, Sparte Marxisten)
er gehörte zu den Menschen, die im Falle des Kriegsausbruchs sofort zu verhaften waren.
Gestapobericht
„Bei Soldmann war bis jetzt eine Gesinnungsänderung nicht feststellbar. Er hat einen großen Bekanntenkreis und ein Teil seiner ehemaligen Anhänger ist ihm heute noch gut gesinnt. Soldmann ist vielmehr ein überzeugter Gegner des nat.soz. Staates. Bei ihm ist mit hoher Sicherheit anzunehmen, dass er sich im A-Falle sofort gegen den Staat stellen wird.“

00.11.1939
Polizeigefängnis Nordhausen
Die Aufnahme in die A-Kartei führte dazu, dass Soldmann bei Kriegsausbruch sofort wieder festgenommen wurde. Da er zu seiner Familie nach Wernrode bei Nordhausen a. Harz gezogen war, wurde er nach der Festnahme zuerst ins Nordhausener Polizeigefängnis eingeliefert.

02.11.1939-00.02.1940
Konzentrationslager Sachsenhausen
Weil sein Sohn Karl in Schweinfurt bei einem Verkehrsunfall schwer verunglückt war, erhielt Fritz Soldmann im Januar 1940 14 Tage Sonderurlaub, um seinen Sohn zu besuchen.

17.09.1944-25.09.1944
Polizeigefängnis Nordhausen
Nach dem missglückten Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 nahm die Gestapo nicht nur die an dem Anschlag Beteiligten und deren Angehörige fest (Sippenhaft), sondern führte auch eine zweite große Verhaftungsaktion durch, die sich vor allem gegen Sozialdemokraten richtete. Im Zuge dieser Aktion wurde auch Fritz Soldmann wieder gefangen genommen, und im Polizeigefängnis Nordhausen inhaftiert

26.09.1944-12.10.1944
Gestapo-Gefängnis auf dem Petersberg Erfurt

00.10.1944-11.04.1945 Befreiung des Lagers
Konzentrationslager Buchenwald
Fritz Soldmann war einer von mehr als 82.000 Häftlingen, darunter 7 ehemalige sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete, die in dieser Zeit im KZ Buchenwald interniert waren. Er wurde zuerst zur Quarantäne ins Kleine Lager, Block 62 gebracht. Die katastrophalen Zustände dort hinsichtlich Unterbringung, Ernährung und Hygiene führten bei den Insassen vielfach zu Krankheiten und Epidemien. Davon wurde offensichtlich auch Fritz Soldmann betroffen, denn er wurde für einige Zeit in den Block 61 eingewiesen, der für kranke Häftlinge des Kleinen Lagers bestimmt war und dann ins Große Lager überführt. Vermutlich haben politische Häftlinge, die in der Lagerleitung tätig waren, bei dieser Verlegung mitgewirkt. Denn dadurch verbesserten sich Soldmanns Überlebenschancen: „Erstens verhinderte sie den Transport in ein Außenkommando, und zweitens war er in einem Block mit deutschen Politischen untergebracht, die als sogenannte „Rückfällige“ größtenteils langjährige Erfahrungen im Umgang mit dem Lageralltag besaßen.“ Aufgrund seiner mehrmaligen Inhaftierung gehörte Fritz Soldmann ebenfalls zu dieser Gruppe.

Anmerkung
Der 67jährige Fritz Soldmann war körperlich so sehr geschwächt, daß die Amerikaner ihn sofort in das von ihnen eingerichtete Hospital in Buchenwald verlegten.
Fritz Soldmann ist am 31.05.1945 in Wolkramshausen Ortsteil Wernrode wenige Tage nach seiner Befreiung aus dem KZ Buchenwald an den Haftfolgen verstorben, seine Urne wird 1948 nach Schweinfurt überführt und dort am 10.08.1948 auf dem Städtischen Friedhof beigesetzt.

Soldmann gehört zu den Mitunterzeichnern des
Buchenwalder Manifests

Fritz Soldmann hat in seinem Leben für die Rechte der Arbeitnehmer gekämpft, seine Freiheit und sein Leben eingesetzt.
Für seine eigene Familie blieb ihm dabei wenig Zeit. Wenn er mal freie Wochenenden hatte, verbrachte er sie gerne mit seiner Familie im Kloster Kreuzberg oder sie unternahmen Wanderungen. Auch zum Lesen nahm sich Fritz Soldmann immer mal wieder Zeit. Er besaß eine recht umfangreiche Bibliothek, für die 1962 ein Wiederbeschaffungswert von annähernd 5.000 Mark veranschlagt wurde. Sie umfasste nicht nur Fachliteratur für den Politiker und Gewerkschafter, sondern z.B. auch Werke von Schiller, Heine, Brecht, Bloch, Kästner, die „Weltbühne“ und Karl Barths Kirchliche Dogmatik.