Stöhr Heinrich

* 12.09.1904

geb. Ort
Weißenburg in Bayern

geb. Land
Deutschland, Bundesland Bayern, Regierungsbezirk Mittelfranken, Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen

Wohnort
Weißenburg in Bayern

Wohnort
Zirndorf Ortsteil Weiherhof bei Fürth
Deutschland, Bundesland Bayern, Regierungsbezirk Mittelfranken, Landkreis Fürth

Todesort/Land
Treuchtlingen
Deutschland, Bundesland Bayern, Regierungsbezirk Mittelfranken, Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen

deutscher Politiker der SPD und Häftlingspfleger im KZ Dachau

Religion
evangelisch

verheiratet
Stöhr Else geb. Schultheiss

22.03.1934
Leonhard Weller, Heinrich Stöhr und Hans Strobel Werdener werden verhaftet

06.01.1935-24.05.1940
wegen angeblicher Vorbereitung zum Hochverrat als Hauptangeklagter zu fünfeinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt, die er in Einzelhaft in den Zuchthäusern Ebrach und Amberg verbrachte

24.05.1940-29.04.1945 Befreiung des Lagers
Haft im Konzentrationslager Dachau (Häftlings Nu
10561)
Der berufsfremde KZ-Häftling wurde dem Krankenrevier (Lagerkrankenhaus) als Krankenpfleger zugeteilt. Innerhalb kurzer Zeit versuchte er sich die nötigen pflegerischen und medizinischen Kenntnisse anzueignen. Bald erteilte er anderen Häftlingspflegern Unterricht in Pflege und versuchte den Kollegen Kenntnisse darüber zu vermitteln, wie man Verletzungen durch das SS-Personal behandeln konnte

Ab 1941
Oberpfleger der Station für „septische Chirurgie“ im Dachauer Krankenrevier. Der Großteil der Krankenfälle auf dieser Station waren Phlegmonefälle, Fälle eitriger Entzündungen des Zellgewebes.
Im Krankenrevier war der
Funktionshäftling Josef Heiden Revierkapo. Er war eine Bestie in Menschgestalt.
Heinrich Stöhr der unter diesem ungebildeten Mörder diente, beschrieb nach Kriegsende als Zeuge im
Prozess Dachau folgenden Ablauf:
Häftlinge aus dem Lazarett, als Simulanten betitelt, verprügelte Heiden zuerst sehr stark, trat sie mit Füßen. Anschließend brachte er sie in das provisorische Duschbad zwischen Block 1 und Block B. Hier wurde die Person in einer Wolldecke 3–4 Stunden unter die kalte Dusche gelegt, erlitt Fieber und Schüttelfrost bis zum Tod. Leichenträger trugen die Personen später hinaus. Der
SS-Sanitätsdienstgrad Anton Endres assistierte Heiden oft im Bad.
Heiden herrschte über das Krankenrevier, er forderte von Mithäftlingen mehr Ehrenbezeichnungen als SS-Ärzte erwarteten. Wenn er den Raum betrat, musste der Pfleger „Achtung“ rufen und Meldung machen. Die Kranken hatten in sehr ordentlich gemachten Betten in „Habachtstellung“ zu liegen, andernfalls schlug er ihnen mit der Faust ins Gesicht oder verschrieb „Nulldiät“. Heiden versuchte wie die SS-Ärzte chirurgische Eingriffe zu erlernen, beispielsweise führte er an gesunden Häftlingen einige Male Blinddarmoperationen durch. In der Ambulanz des Krankenreviers operierte er Häftlingen einen verwundeten Finger, der auch ohne Amputation hätte heilen können. Dies geschah mehrmals, in Gegenwart der Pfleger und anderer Patienten.


Juni 1942 bis Frühjahr 1943
auf Befehl Himmlers wurden Versuchsreihen an künstlich mit Phlegmoneeiter infizierten Häftlingen durchgeführt, um biochemische Heilverfahren zu prüfen. Stöhr arbeitete zeitweilig auf der hierzu eingerichteten Versuchsstation in Block 1, Stube 3

1944
Der niederländische Journalist, Schriftsteller und Übersetzer Nico Rost, selbst langjähriger KZ-Gefangener, trifft mit Heinrich Stöhr zusammen und war ab dieser Zeit bis zur Befreiung des KZs durch die US-Alliierten in derselben Baracke untergebracht. In seinem Tagebuch "Goethe in Dachau", welches nach dem Krieg auch in Deutschland bekannt wurde, hat Rost, selbst Kommunist, seine Zeit mit dem Sozialdemokraten Stöhr beschrieben. Unter anderem hat er der Nachwelt folgende Charakterisierung von Heinrich Stöhr aus dieser Zeit überliefert:
Heini ist Bayer, in Nürnberg geboren. Kein Kommunist ..., sondern Sozialdemokrat und mehr Gefühlsmensch als Politiker. Heini arbeitet schon seit über sechs Jahren im (Kranken-)Revier und hat in dieser Zeit Hunderten von Mithäftlingen das Leben gerettet. Pfarrer B., der ihn von früher her gut kennt, erzählte mir, daß Heini ursprünglich Arzt werden wollte, doch daß für sein Studium nicht genügend Geld da war und er in eine Fabrik arbeiten gehen mußte. In den Jahren hier hat er sich ein so gründliches medizinisches Wissen anzueignen gewußt, daß es bei den Ärzten immer wieder höchstes Erstaunen und auch Bewunderung erregt. In der Ecke über seinem Bett steht eine Anzahl wissenschaftlicher medizinischer Werke, in denen er oft studiert und die er sorgfältig behütet. Er hat sich auch selbst Latein beigebracht, so daß er nun imstande ist, die Krankengeschichten seiner Patienten auf lateinisch zu schreiben oder zu diktieren.
Stöhr hatte als Oberpfleger im Krankenrevier in einer Ecke des Saales neben seinem Bett einen Tisch stehen, an dem er die Krankenakten führte. Aber vor seinem Bett, schreibt Nico Rost in seinem Tagebuch, stehe keine Trennwand, wie es vor den Betten der meisten Oberpfleger üblich gewesen sei. Dies sei keine Frage der Möblierung gewesen:
"...sondern vielmehr ein Unterschied in den Weltanschauungen! Heini hat nämlich nichts zu verbergen! Bei ihm können stets alle Kranken sehen, was er tut und was er ißt! Er organisiert nichts für sich in der Revierküche, und er besitzt auch nicht - wie die meisten anderen Oberpfleger - einen Lebensmittelvorrat, der aus geplünderten Paketen der Kranken stammt."

Juni 1945
Heinrich Stöhr kehrt nach Weißenburg zurück.
Dort knüpfte er die Kontakte zu ehemaligen Sozialdemokraten und betrieb den Wiederaufbau des SPD-Ortsverbandes, der am 27. Oktober 1945 wiedergegründet wurde. Auf der Gründungsversammlung wurde Heinrich Stöhr einstimmig zum Ersten Vorsitzenden gewählt.

05.-07.10.1945
Heinrich Stöhr reist nach Hannover und nimmt an der ersten zentralen Zusammenkunft von Sozialdemokraten nach dem Zweiten Weltkrieg teil, der "Konferenz von Wenningsen"

30.06.1946
Ab dem 30. Juni 1946 war Heinrich Stöhr Mitglied der Verfassunggebenden Landesversammlung in Bayern. Als Kandidat des Stimmkreises Eichstätt, Feuchtwangen, Gunzenhausen, Weißenburg wurde Stöhr in den ersten bayerischen Nachkriegs-Landtag gewählt und war ab Dezember 1946 Mitglied des 1. bayerischen Landtags. 1950, 1954 und 1958 erfolgte seine Wiederwahl in den bayerischen Landtag.
In der Folgezeit engagierte sich Heinrich Stöhr in der Sozialpolitik: Er übernahm in Weißenburg die Leitung und den Aufbau der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK). Er war auch Kreisvorsitzender der Arbeiterwohlfahrt (AWO), während seine Frau Else Stöhr Ortsvorsitzende der AWO war. Auf Initiative des Ehepaares hin entstand das Seniorenheim der Arbeiterwohlfahrt an der Ludwigshöhe, welches am 19. Februar 1955 eröffnet wurde. Einen Eindruck der Gründungsaktivitäten der Frauen und Männer um Else und Heiner Stöhr aus dieser Zeit vermittelt folgende Darstellung:

Den Sammlungen durch die Frauen und Männer um Else und Heiner Stöhr war es zu verdanken, daß der finanzielle Grundstock sichergestellt werden konnte. Zur ersten Firmensammlung trat sogar OB Thumshirn persönlich mit auf. Die Projektkosten konnten nur deshalb relativ gering gehalten werden, weil eine Vielzahl von AW-Mitgliedern in freiwilliger Arbeit speziell zur Schaffung der Außenanlagen mit Hand anlegten. In unzähligen Arbeitsstunden wurden Straßen, Wege, Gartenanlagen und Einfriedungen angelegt. Derweil beschaffte und organisierte Else Stöhr mit ihrer über 100 Mitglieder zählenden Frauengruppe aus SPD und AW einen Teil der Inneneinrichtung, bis hin zu den teilweise selbstgenähten Vorhängen

Dezember 1946
Während der Nürnberger Prozesse ist Stöhr Zeuge der Anklage im Ärzteprozess

19.10.1955
Verleihung des Bundesverdienstkreuzes

09.12.1958
auf dem Weg zur Landtagseröffnung am Treuchtlinger Bahnhof brach er zusammen. „Ich habe im letzten halben Jahr zu viel gearbeitet“ waren seine letzten Worte. Er verstarb unerwartet am 09.12.1958 an den Folgen eines Herzinfarktes.

10.12.1959
das Seniorenheim der Arbeiterwohlfahrt an der Ludwigshöhe wurde nach dem Tode vom Else Stöhr am 10. Dezember 1959 in "Else-und-Heiner-Stöhr-Senioren-und-Pflegeheim" benannt

19.06.1980
In Weißenburg wird auf Antrag der SPD-Stadtrats-Fraktion am 19. Juni 1980 nach ihm die Heinrich-Stöhr-Straße benannt. Sie liegt zwischen Niederhofener- und Berliner Straße


Der "Engel von Dachau"

Stöhr konnte auf Grund seiner Position vielen Menschen im Konzentrationslager das Leben retten: Er fälschte Unterlagen, um Kranke vor dem Abtransport ins Gas zu bewahren. Er gab eine geringere Anzahl von Verstorbenen an, um mehr Verpflegungsrationen für lebende Patienten zu erhalten.

Laut Rost soll er polnischen Geistlichen in Block 26 des Lagers, die Opfer menschenverachtender medizinischer Experimente durch die SS wurden, heimlich lebensrettende Medikamente besorgt und Gegeninjektionen verabreicht und sie damit vor dem Tod gerettet haben.

Viele Schwerkranke habe er gerettet, weil er ihnen nicht die von der SS befohlene letzte Spritze gegeben habe, sondern sie anstelle dessen heilte.

Einer seiner Geretteten war der junge Kaplan Kazimierz Majdański, der später in Polen Erzbischof wurde.

Da sich seine Haltung im Lager herumsprach, wurde er von vielen Häftlingen heimlich mit Medikamenten versorgt, unter anderem von ausländischen Gefangenen, die beispielsweise Pakete des Roten Kreuzes erhielten. Auch versorgten ihn Häftlinge, die in den Außenlagern in München und Dachau mit der Zivilbevölkerung Kontakt hatten und Medikamente im Tausch gegen irgendetwas anderes organisierten.

Der Niederländer Nico Rost schreibt deshalb:

"Wenig Deutsche haben in Dachau einen so tiefen Eindruck auf die ausländischen Häftlinge gemacht wie er. In ihm begegneten sie plötzlich einem anderen Deutschland, das sie nicht kannten oder daß sie schon verschwunden glaubten. Plötzlich wußten wir Ausländer von neuem, daß, solange es noch solche Deutsche gab wie Heini Stöhr, man an der Zukunft des deutschen Volkes nicht zu verzweifeln brauchte. In ihm verkörperte sich wieder das humanistische Deutschland, an das so viele von uns geglaubt hatten."