
Mein Westfalen
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Es war ein sonniger Spätherbsttag des Jahres 1844 als ein 47- jähriger Mann auf der Reise von Paris nach Hamburg bei Hagen mit der Postkutsche ins Westfälische kam. Diesen Moment dichtete er zwei Jahre später in seinem Werk „Deutschland. Ein Wintermärchen“ nach und schrieb: Gott Grüß Euch, Ihr lieben Westfalen ... und schenk Euren Söhnen ein leichtes Examen, Amen“.
Das war ein Düsseldorfer, der so über die Westfalen schrieb, Heinrich Heine! Dieses von Heinrich Heine gegebene Bild der Westfalen hatte eine Geschichte, die in der politischen und kulturellen Historie Westfalens das angeblich Rückständige oder vielleicht auch zu kurz gekommene durchschimmern lässt.
Die älteste historische Erinnerung Westfalens finden wir in den fränkischen Reichsanalen von 775.
Im 9. Jahrhundert begann dann die Bezeichnung Westfalen, sich auch auf das Gebiet der Engern und Ostfalen auszudehnen. Es umfasste das ganze Land zwischen Rhein und Weser.
Dann 200 Jahre später kommt in der Spannung der Italien- Politik Friedrich I., Barbarossas, für einen Augenblick der Name des Herzogtums Westfalen aus dem Unbeachtetsein in den Horizont des geschichtlichen Interesses. Dem geht eine dramatische Situation voraus, die ich für eine der Schlüsselszenen im politischen Geschick Westfalens halte.
In Chiavenna nördlich des Comer Sees, dort wo die Straßen vom Splügenund Majolapass zusammenlaufen, hatte Kaiser Friedrich 1174 sein Heer und die großen des Reiches um sich versammelt. Darunter auch den mächtigen Herzog von Sachsen und Bayern, Heinrich den Löwen, dessen Hilfe er unbedingt für den beginnenden Feldzug gegen den Papst und die lombardischen Städte brauchte, der sich aber verweigerte. Da tat der romantische und emotionale Staufer einen Kniefalls vor seinem Vasallen, um ihn umzustimmen.
Alles schwieg betreten, bis die Kaiserin zu ihrem Mann ging und ihn ansprach: „Lieber Herr, steh auf, Gott wird dir helfen, wenn du einst dieses Tages und dieses Hochmuts gedenken wirst.“ Heinrich der Löwe, der sich nicht umstimmen ließ, weil der Kaiser seiner Gegenforderung nicht entsprechen konnte, ritt von dannen und Friedrich der II. verlor die anschließende Schlacht von Legnano. Aber schon zwei Jahre später 1180 hatte er in Deutschland aufgeräumt und Heinrich der Löwe musste sich unterwerfen. Dabei verlor er das Herzogtum Westfalen an den kölnischen Kurfürsten und das Herzogtum Bayern ging an die Wittelsbacher, die dort ununterbrochen von 1280 bis 1918 regierten. In Westfalen waren schon vorher die Bistümer Osnabrück und Münster zu großer politischer Unabhängigkeit erstarkt. Was der Kölner Kurfürst jetzt bekam, war im wesentlichen das südliche Westfalen mit den Städten Arnsberg und Soest.
So hat die Geschichte Westfalen schon früh geteilt und als Stiefkind behandelt und ihm das Glück der politischen Einheit versagt. Aber Stiefkinder müssen sich wehren und behaupten und entwickeln deshalb oft frühzeitig eine besondere Vitalität, so auch das Westfalentum. Das westfälische Selbst bewusstsein erstarkte als bleibende Gemeinsamkeit in einer Fülle regionaler, politischer, wirtschaftlicher und kultureller Ereignisse.
Unabhängig von den zerrissenen politischen Herrschaftsverhältnissen, setzte es sich mit überraschender Zähigkeit immer wieder durch. In allen Quartieren der Hanse, ob in Brügge, London oder Nowgorod existierten selbstbewusste westfälische Fraktionen, unabhängig von der heimischen politischen Situation, ob es sich um eine freie Reichsstadt wie Dortmund handelte oder von den Fürsten bzw. Bischöfen abhängige Städte oder Bistümer. Dieser Unterschied störte nicht nur nicht, sondern war zusammen mit der schwachen Reichsgewalt gerade der Grund, als das Einigende das Westfalentum herauszustellen. Ähnliches zeigt die Veme, jenes typisch westfälische Freigericht, das unabhängig von der Territorialgewalt entstand. Die Veme zeigt zweierlei. Einmal die große Energie, die von den westfälischen Freigrafen und Schöffen Ausging, immer da, wo das überkommene Recht und seine Durchsetzung im ganzen Reich nicht ausreichte, für Recht und Ordnung zu sorgen und zwar zunächst nur auf handfester, handhafter Tat. „Mit blinkendem Scheine“, wie es in den Quellen heißt. Zum anderen fällt die überhaupt nicht eingrenzte örtliche Zuständigkeit auf, möglicherweise eine Eigenart des sächsischen Rechts. Denn auch in Amerika, dessen Recht weitgehend aus dem angelsächsischen common law kommt, erleben wir, dass plötzlich ein Richter – sagen wir aus Cincinnatti – über einen Schadensanspruch zu Lasten irgendeines Beklagten irgendwo in der Welt urteilt.
Die Veme bleibt ein Ausbruch westfälischer Energie, wie sie schon in der Hanse und ihr vorhergehend und gleichzeitig in der Besiedlung des ostdeutschen Raumes zu erkennen ist. Die Stadtrechte von Soest und Dortmund lieferten die früheitliche Verfassung für die Städte am Ostseerand. Im baltischen Adel wimmelte es von westfälischen Namen. So führte ein Heinrich von Plettenberg als Hochmeister des preußischen Ordens eine erfolgreiche Verteidigung Livlands gegen Russen und Polen. Die Dönhoffs in Ostpreußen sind eines der bekannten westfälischen Geschlechter.
Wenn ich die Frage gestellt habe, wie hat es die Geschichte mit den Westfalen gemeint, ist das auch die Frage, wie sich das Selbstbewusstsein des Landes in der Literatur der Zeit widerspiegelt. Selbstlob ist nicht der Westfalen Sache, aber immer dann, wenn ein als unberechtigt empfundener Angriff deutlich wurde, gab es eine kräftige Antwort. So auch auf die wenig glanzvolle Erwähnung Westfalens in den Schriften italienischer Humanisten, vor allem des Aeneus Silvius, übrigens der spätere Papst Eneo Silvio Piccolomini, der in einer viel gelesenen Europabeschreibung Westfalen sehr abwertend und als eine „regio frigido“ also eine ziemlich kalte Gegend schilderte. Panemnigrum, schwarzes Brot, äßen sie und tränken dabei noch Bier. Dem späteren Papst hätte also auf einer Reinoldiveranstaltung das dunkle Brot auch an das gute Bier wohl nicht geschmeckt.
Daraufhin stand 1474 ein wortmächtiger Mann aus Laer im Kreise Steinfurt auf mit seinem großartigen achtbändigen Werk: „de laude antiquae Saxoniae nunc Westfaliae dicta„ zum Lobe des alten Sachsenlandes, jetzt Westfalen genannt. Werner Rolevinck, dieser Bauernsohn des Münsterlandes lebte als Karthäusermönch in Köln und wollte die Ehre seines Heimatlandes retten. Um seinen Ruhm der Welt zu künden, ruft er das westfälische Selbstgefühl zu kraftvoller Sprache auf. Er berichtet von dem Reichtum an Bodenschätzen, den Erzeugnissen des Ackerbaus, der Viehzucht und des Gewerbefleißes, die die Grundbelage dafür gegeben hätten, dass sich der westfälische Ausfuhr handel weit über die Meere ausdehne.
Das war eine Stimme des versinkenden Mittelalters. 50 Jahre später mit dem Beginn der Neuzeit erleben wir eine weitere Renaissance in der Literatur. Die vom römischen Schriftsteller Tacitus genannten positiven Eigenschaften der Germanen wurden jetzt von den Humanisten den Westfalen zugeordnet. Ulrich von Hutten schrieb 1520 an den sächsischen Kurfürsten Friedrich den Weisen: „Wie es bei Tacitus heiße, hätten die Westfalen sich schon einmal als Sieger über die Weltmacht Rom mit ihrem Anführer Arminius gezeigt“.
Sogar bis nach England trug der berühmte Erasmus von Rotterdam in mehreren Briefen an Thomas Morus 1521 das Lob der Westfalen, „das viele Männer vom höchsten Geist und keineswegs alltäglicher Gelehrsamkeit hervorgebracht habe, durch seine Treue und Sittenreinheit, durch seine schlichte Klugheit und wohlbedachte Einfachheit hervorsteche“.
Das war für 150 Jahre das letzte Lob aus berufenem Munde. Mit dem Untergang der Hanse gingen auch die Blüte des Landes und der Wohlstand der westfälischen Städte dahin. Der Handel stockte, der Verkehr erlahmte und auf allen Gebieten des materiellen und geistigen Lebens trat ein Stillstand ein. Reisende durch das Land schilderten Westfalen als das Boötien Deutschlands. Das war bei den alten Griechen die rückständigste Provinz.
Noch Voltaire teilte dieses Westfalenbild. Der große französische Philosoph folgte 1744 einer Einladung des Preußen- Königs Friedrich II. und reiste von Compiégne nach Potsdam. Wie es das Unglück wollte, saß er in Brackwede bei Bielefeld fest. Ob die Kutsche umgefallen oder ähnliches passiert war, jedenfalls zogen ihn die westfälischen Bauern aus dem Dreck und konnten sich vor Lachen nicht halten, als sie den überaus eleganten Franzosen mit Spitzenjabos an den Ärmeln und seidenen Pluderhosen über den Knien, mit verrutschter Perücke auf seinen Schnallenschuhen schimpfend herum springen sahen. Das hat ihnen der eitle Voltaire nie vergessen. Sein Bericht bei seinem Gönner Friedrich II. und vor allem sein in Europa viel gelesener Roman mit dem Titel „Candide“ zeigt in der Hauptfigur einen Westfalen, der zwar eine Fülle fantastischer Abenteuer in der ganzen Welt zu bestehen hat, der sich aber durch großes Ungeschick und Tölpelhaftigkeit auszeichnet und nur durch unvorstellbares Glück immer wieder weiter kommt. Dazu kam dann noch Voltaires Reiseschilderung, dass die Menschen in Westfalen mit den Tieren unter einem Dach lebten und wie er schreibt: „Schwarz glänzende Steine als Nahrung zu sich nähmen“. Sein Bericht von den Pumpernickelessern hat bei Friedrich II. einen verheerenden Einfluss auf dessen und auch der nachfolgenden preußischen Könige Vorstellung von den Westfalen gehabt. Da half es auch nicht, dass in Osnabrück mit Justus Möser ein glänzender Staatsmann und Historiker aufstand und Westfalen verteidigte. Das Stift Osnabrück, das er als Kern Westfalens ansah, habe mehr Einwohner pro qm als Frankreich und nütze sein Ackerland viel ertragreicher und er schildert die Lebensweise der Westfalen als arbeitsam, wahrhaftig, gesund, unverdorben und vernünftig.
So gut wie gar keine Beiträge lieferte der westfälische Adel. Er blieb traditions- und standesgemäß am Liebsten unter sich und die Bewahrung seiner Privilegien war sein Hauptanliegen. Annette von Droste- Hülshoff war die leuchtende Ausnahme und gleichzeitig vermitteln ihre hinterlassenen Briefe bleibende Eindrücke vom geringen literarischen Bildungsstand des Adels. Die eigene Familie nahm kritischen Einfluss auf ihr Schaffen und ihr Bruder als Familienhaupt entschied mit darüber, ob und wo die Droste publizieren durfte. Wie Annette selbst berichtet, erklärte ihr eigener Vetter Ferdinand von Galen ihre erste Gedichtsausgabe für reinen Plunder, für Unverständlich und konfus und er könne nicht begreifen, wie eine scheinbar Vernünftige Person, solches Zeug habe schreiben können. Allgemein blieb so das schöngeistige Leben in der westfälischen Metropole Münster hinter dem anderen deutschen Städte zurück. Die einzige bedeutende Zeitung in Westfalen war der Westfälische Merkur, der 1821 von den Buchhändlern Coppenrath in Münster gegründet worden war. Aber während es die Kölnische Zeitung 1837 auf eine Auflage von 9.000 Exemplaren brachte, kam der Westfälische Merkur gerade auf 1.600 Exemplare. Die mangelnde Einheit des Landes und die Zerrissenheit in Konfessionsfragen verhinderte bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts das Entstehen einer kräftigen Publizitätswelt, die das ganze Land umfasst hätte.
Um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert erschütterten dann die Französischen Revolutionsheere und Napoleon die bestehende Ordnung in Europa und in Deutschland und darin auch Westfalen. Der Reichsdeputationshauptschluss von 1803 löste Westfalen noch weiter auseinanderstrebend auf. Das säkularisierte Bistum Münster kam an Preußen, Osnabrück nach Hannover, Dortmund verlor die Reichsfreiheit und wanderte zu Hessen- Nassau und der Rest des Herzogtums Westfalen, das Sauerland kam an die Herzöge von Hessen- Darmstadt.
Wie ein historisches Irrlicht erschien dann plötzlich von 1807 bis 1814 ein Königreich Westfalen auf der Landkarte, das der Bruder Napoleons, Jerome Bonaparte, von Kassel aus regierte, nur dass dieses Königreich mit Westfalen kaum etwas zu tun hatte. Es bestand zu 90 % aus hessischen, hannoverschen und braunschweigischen Gebieten. Nur eins zeigte das Auftauchen dieses merkwürdigen Königreichs. Der Begriff Westfalen hatte im Bewusstsein der Zeitgenossen so viel Gewicht, dass er als Grundlage und Name für ein Königreich tragfähig erschien.
Der Untergang Napoleons und der Wiener- Kongress brachte den Preußen dann die beiden Westprovinzen Rheinland und Westfalen. Hier haben wir zum ersten Mal die Zusammenfassung des größten Teils des alten westfälischen Stammesraums, aber ohne Osnabrück dessen führende Männer sich doch stets als Westfalen artikuliert hatten und auch ohne das immer als westfälisch angesehene Niederstift Münster mit den Ämtern Vechta und Cloppenburg.
Essen wurde der Rheinprovinz zugesprochen, obwohl es auch zum westfälischen Stammesgebiet gehörte. Die Essener sprachen ein westfälisches Platt und erst westlich von Essen halbwegs nach Mühlheim schwingt das Westfälische in den rheinischen Dialekt über.
Doch das Herz der preußischen Könige schlug nicht für die neu erworbene Provinz. Schon 100 Jahre früher hatte der Vorgänger Friedrichs des Großen, Friedrich Wilhelm der I., in seinem politischen Testament dem westfälischen Adel jegliche Begabung abgesprochen. Er schreibt: „Was Kleve und Grafschaft Mark ist, sein die Vasallen dumme Ochsen und malliceus wie der Teufel. Die Nation (damit meint er die Westfalen) ist sehr intrigrant und sehr falsch dabei und saufen wie die Bester, mehr wissen sie nicht.“
Ähnliches finden wir bei Friedrich dem Großen. Das von seiner aufgeklärten und zynischen Geisteswelt keine Brücke zu den schwerblütigen, frommen Westfalen bestehen konnte, möchte ich Ihnen an zwei Positionen deutlich machen:
Einmal die wie immer mit einem Hauch von Melancholie dichtende Westfälin Annette mit ihrem „Schaurig ist es über das Moor zu gehen, wenn das Röhricht knistert im Rauche“ oder:
„Kennst du die Blassen im Heideland, mit blonden flächsenen Haaren, mit Augen so hell wie am Weiersrand, die Blitze der Wellen fahren“
Und dagegen Friedrich II. mit seinem Zynismus der in seinen Marginalien auf dem Rand der Akten landete. Als ihm sein Wiener Gesandter nach der Teilung Polens zwischen Russland, Preußen und Österreich vom schlechten Gewissen der frommen Maria Theresia berichtete, schrieb er auf den Rand: „sie weint aber sie nimmt“
Als ihm eine protestantische Gemeinde schrieb, sie möchte einen anderen Pfarrer haben, denn der jetzige glaube nicht an die Auferstehung des Fleisches am jüngsten Tage, schrieb der König nur an den Rand:
1) Der Pfarrer bleibt.
2) Wenn er am jüngsten Tage nicht aufstehen will, kann er ruhig liegen bleiben.
Als ihm ein Westfale zu einer Ratsstelle empfohlen wurde, schrieb er nur an den Rand: „dieser kann es nicht werden, denn die Westfalen haben kein Genie“.
Dieses negative Image änderte sich erst, als der Freiherr Ludwig Vincke, der zurückgezogen auf seinem Gut in Ickern bei Hamm lebte, zunächst zum Generalkommissar für die gesamten neuen Westgebiete und später zum Oberpräsidenten für die neue Provinz Westfalen bestellt wurde. Er hatte eine Riesenaufgabe, hier eine geordnete Verwaltung aufzuziehen und tat dies mit größtem Erfolg.
Dabei waren die regionalen Vorstellungen für eine einheitliche Provinz Westfalen bei Ludwig Vincke wesentlich umfassender. Zwar gewann er 1817 das Siegener Gebiet, das vorher nassauisch-oranisch war, hinzu, aber um das große reiche Osnabrück kämpfte er vergebens. Die Stadt ging endgültig an Hannover. Hier haben wir es wieder einmal mit einer historischen Weggabelung zu tun, in dem das Westfalentum den Kürzeren zog. Mit Osnabrück und dem Niederstift Münster, mit Vechta und Cloppenburg, wäre Westfalen Kraft seiner schieren Größe sicher ein selbständiges Land geblieben und nicht wie heute in Nordrhein Westfalen hinter dem Bindestrich gelandet. Dasselbe gilt für das eigentlich westfälische Essen.
Die Einstellung Preußens zur neuen Provinz gibt eine Verordnung zur Personalpolitik von 1815 zu erkennen. Darin heißt es, „Das neben kundigen Offizianten– also alten preußischen Beamten – vorzüglich auch „Eingeborene“ angestellt werden sollten, welche geeignet seien, die preußische Regierung beliebt zu machen. Das Wort Eingeborene hatte damals durchaus den gleichen kolonial- verfremdenden Akzent wie heute und man bedenke, bei aller Integration der Provinz in den preußischen Staat waren von den neun Oberpräsidenten der Provinz von 1815 bis 1919 nur zwei aus Westfalen stammend.
So sehr die in der Industrialisierung aufblühende Provinz zum Steueraufkommen Gesamt- Preußens beitrug, so wenig wurde davon die Kultuspolitik Preußens beeinflusst. Die katholischen Universitäten in Münster und Paderborn und die protestantische hohe Schule in Burgsteinfurt wurden von den Preußen aufgehoben.
Der Kaiser Wilhelm zugeschriebene Satz: „Im Ruhrgebiet - und das war ja zum erheblichen Teil westfälisch – keine Kasernen und keine Universitäten“, ist zwar historisch nie nachgewiesen worden. Er spiegelt aber die kulturelle Vernachlässigung Westfalens wieder. Die 1898 einsetzenden und in den 20er Jahren noch einmal wiederholten Bemühungen der Industrie- und Handelskammer zu Dortmund, um eine technische Hochschule, wurde auch 1922 noch einmal im Hinblick auf Aachen abgelehnt, weil nach dem verlorenen Krieg der Aachener Raum als Grenzraum anzusehen und zu schützen sei.
Ähnliches galt für die Verkehrspolitik. Beim Aufkommen der Eisenbahnen in Westfalen kamen die Anregungen und auch die Finanzierungen für die Köln Mindener und für die Märkische Eisenbahn aus dem Raum selbst. Preußens Hauptstadt Berlin, gleichzeitig Reichshauptstadt, hatte schon vor dem 1. Weltkrieg ein hochmodernes S- und U- Bahn- Netz, während im Ruhrgebiet, eigentlich ein ähnlich geballtes Siedlungsgebiet wie Berlin, und wo das Geld verdient wurde, nichts ähnliches geschah.
Wenig im Sinn mit den Westfalen hatte der letzte preußische König und Kaiser Wilhelm II. Die Hast mit der er den Besuch 1899 bei der Hafeneröffnung in Dortmund absolvierte war fast eine Beleidigung für die Honorationen und die Bürger der Stadt, die ihm einen solch begeisterten Empfang geboten hatten. Schroff und nicht mit einem Hauch von fürsorglichem Empfinden, so auch 1899 der Empfang der Delegation der westfälischen streikenden Bergleute durch den Kaiser, der ihre Anliegen ungeduldig anhörte und denen er mit Armee und Polizei drohte, wenn sie ihre Arbeit nicht wieder aufnähmen. Da war es ein Balsam für die Seelen der 3.000 zu Bismarcks 85. Geburtstag erschienenen gratulierenden Westfalen, als ihnen der alte Kanzler ein großes Kompliment machte. „Er sei überzeugt davon, dass Hermann der Cherusker, der Retter Germaniens, den Dialekt Ihrer Heimat gesprochen hätte.“ Nun, Arminius im westfälischen Platt seinen Angriff kommandierend, ist zwar ein nettes Kompliment, aber bei den vielen Stammesverschiebungen in den folgenden Jahrhunderten doch etwas zweifelhaft.
Bis zum Untergang Preußens 1932 blieb die Provinz gut verwaltet aber weiterhin vernachlässigt durch die fehlende Ansiedlung von wissenschaftlichen Instituten oder gar Universitäten.
Was den Bestand des Westfalentums heute innerhalb des 1946 geschaffenen Landes Nordrhein- Westfalen angeht, haben wir für ein endgültiges Urteil noch keine historische Distanz, aber wir haben einige Signale, die unsere Aufmerksamkeit verlangen.
Obwohl es nach Einwohnerzahl und Fläche größer ist als zwei Drittel unserer Bundesländer hat es die Geschichte nicht gewollt, dass wir ein selbständiges Land haben. Wir haben in der früheren Provinzialhauptstadt Münster nur noch Reste der alten Provinzverwaltung, aber an deren Spitze haben gerade aus Dortmund kommende Persönlichkeiten, wie der erste Landeshauptmann Salzmann oder die Landesdirektoren Manfred Scholle und Wolfgang Schäfer, die eigenständige Kultur unseres Landes mit den zur Verfügung bleibenden Mitteln zäh verteidigt. Dazu kommt die sehr aktive von großzügiger privater Hand eingerichtete Westfalenstiftung. Gleichwohl hat sich in der Benachteiligung Westfalens gegenüber dem Rheinland mit seiner Medienkonzentration wenig geändert. Eine von der IHK Dortmund erbetene Untersuchung der letzten 20 Ausgaben des NRW Teils in der Welt am Sonntag hat ergeben, dass darin Berichte über Ereignisse in Westfalen nur halb so oft vorkommen, wie über die des Rheinlandes. Für die Städte Düsseldorf und Dortmund liegt das Verhältnis der Berichte und Erwähnungen bei 115 : 21.
Das können wir so nicht resignierend hinnehmen, denn gerade die Medienpräsenz ist auch gleichzeitig Wirtschaftsförderung. Eine bei dem Marketing- Papst Prof. Meffert in Münster vorgelegte Dissertation über „Westfalen als Marke“ arbeitet heraus, wie positiv die Begriffe: „westfälisch“ und „Westfalen“ besetzt sind, und zwar außerhalb Westfalens noch mehr als im eigenen Lande. Das ist ein Zeichen für die übertriebene westfälische Bescheidenheit. Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, wie das Westfalenlied beginnt? Es beginnt: “Ihr mögt den Rhein den stolzen preisen, der in dem Schoß der Reben liegt“, und kommt dann erst später umständlich und fas entschuldigend auf Westfalen zu sprechen.
So geht es nicht! Mit dem zweiten Platz kann man keine Werbung machen. Weil er eine Anregung geben wollte, hat auch Wolfgang Clement noch vor einigen Jahren erklärt: „Westfalen habe im Gegensatz zum Rheinland keine Leuchttürme“.
Nun Leuchttürme: Der Prinzipalmarkt in Münster bringt die dichteste Atmosphäre mittelalterlicher Stadtschönheit, wie man sie sich nur vorstellen kann. Das Bochumer Schauspielhaus hat internationalen Rang, das Dortmunder Musiktheater war immer mehr als eine Provinzbühne und mit dem Konzert haus haben wir einen weitstrahlenden und einladenden Leuchtturm, von dem wir hoffen, dass es durch den unglücklichen Abgang seines Schöpfers nichts einbüßt.
Mit unserer IT- Szene, insbesondere mit dem Technologie- Zentrum und dem Technologie-Park, haben wir eine in Deutschland nicht erreichte Erfolgsstory, mehr als wir je zu hoffen wagten als wir uns mit ihrer Gründung befassten.
Die Westfalenhalle hat ihren großen, überregionalen Ruf behalten und da in Dortmund alles – so auch ich – mit Borussia endet, auch dieser Leuchtturm wird wieder ins Land strahlen, insbesondere nachdem wir die Leuchtturmwärter ausgewechselt haben.
Das Requiem aus Kohle und Stahl haben wir ausgesungen. Wobei wir wissen, dass die Dirigenten für die Stahlseite dieser Trauermesse im Rheinland, in Düsseldorf und Essen saßen.
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