Hilse Wilhelm (Willy)

Reichsbahninspektor

* 18.03.1906 in Guttenstädt (Dobromil)
letzter bekannter Wohnort:
Frankfurt am Main (Kuhwaldsiedlung)

1939 Eintritt in die NSDAP

1942 bis Juli 1944 in der Güterabfertigung
Auschwitz
erster Vertreter des damaligen Dienstvorstehers, Oberinspektor Barthelmäs

Hilse unterstand unmittelbar der Wagendienst und die Zugabfertigung und die Ostdienstkohlenverteilungsstelle

Dienstvorsteher
Ihm oblag die gesamte Aufsicht über die Güterabfertigung. Der Güterabfertigung unterstellt waren noch die Fahrkartenausgabe, Gepäck-, Expreßgutabfertigung, Zollabfertigung, Bahnhofskasse, dann die Ostdienstkohlenverteilungsstelle und noch drei große Zugabfertiger.

Juli 1944
Wagenbüro der Reichsbahndirektion Oppeln

Aussage
Barthelmäs Adolf (Reichsbahnoberinspektor in Auschwitz)
Die dienstliche Betreuung des Judenlagers habe ich meinem Vertreter Hilse übertragen.

27.11.1964
Aussage Willi Hilse am 27.11.1964 im Frankfurter Auschwitz-Prozess. Hilse, zum Zeitpunkt seiner Aussage Bundesbahn-Oberinspektor, war nach eigener Angabe "von 1942 bis 1944 erster Vertreter des Dienstvorstehers bei der Güterabfertigung im
Bahnhof Auschwitz". Hilse sagte aus: "Soweit ich mich erinnere, sind bis zu meinem Weggang im Juli 1944 im Rahmen der Ungarntransporte vielleicht 120 solche Züge angekommen. Ob nach meinem Weggang noch weitere Transporte gekommen sind, weiß ich nicht." Im Urteil schrieb das Frankfurter Landgericht: "Die Ungarn-Transporte, die ab Mai 1944 in Auschwitz ankamen, waren nach der glaubhaften Aussage des Zeugen Hi., der in der damaligen Zeit bei der Güterabfertigung am Bahnhof Auschwitz beschäftigt gewesen ist, durchschnittlich 3000 Personen stark. Rechnet man hiervon 25% ab, die im Höchstfall als arbeitsfähig ausgesondert und in das Lager aufgenommen worden sind, so verbleiben 2250 Menschen, die getötet worden sind." Die sich daraus ergebende Dimension der Deportiertenzahl kann mit elementarer Rechenoperation erschlossen werden.

Aussage Hilse Wilhelm (Willy)
Mir ist bekannt, daß im Mai 44 Transporte von Ungarn gefahren worden sind ins Lager. Soweit ich mich heute noch entsinnen kann, waren sämtliche Züge, die von Ungarn gefahren wurden in das Lager Auschwitz, auf Großen Wehrmachtsfrachtbrief abgefertigt.

Aussage Hilse Wilhelm (Willy)
Es waren alles gedeckte Wagen. Nun war es ja während der Kriegszeit auch so, daß alle Wagen, auch von denjenigen Eisenbahnverwaltungen, die von uns besetzt waren, freizügig verwendet werden konnten. Ich muß also annehmen, daß auch in diesen Transporten fremde Eisenbahnwagen enthalten waren, nicht nur allein Wagen der damaligen Deutschen Reichsbahn.
Sämtliche Wagentüren waren dicht geschlossen, also man hatte keinen Einblick in die einzelnen Wagen. Es standen lediglich die Luftklappen offen. Ich schätze, daß in jedem Wagen vielleicht 50 bis 60 Personen gewesen sind. Wenn nun der Zug mit der höchst zulässigen Wagenzahl, also das sind 60 Wagen, ausgelastet war, müßten das meines Dafürhaltens 3.600 Menschen ergeben. Ob das nun in jedem Fall zutraf, das kann ich natürlich nicht sagen.

Aussage Hilse Wilhelm (Willy)
Also wenn ich rangegangen wäre an einen Transportzug, der unter strenger Bewachung der SS stand, dann hätten sie mich zweifellos erschossen. Ich will Ihnen hierzu nur einen Fall nennen: Es war im Sommer des Jahres 1944, da stand ein Transportzug von Ungarn im Bahnhof Auschwitz, unmittelbar gegenüber der Güterabfertigung. Die Wagentüren waren geschlossen. Nur die Luftklappen waren offen. Und eine Frau hielt ein kleines Kind im Arm und rief fortlaufend nach Wasser. Ich habe mir dann ein Herz gefaßt, ich habe dann einen Krug Wasser genommen und bin rangegangen an den Zug. Und als ich in unmittelbarer Nähe des betreffenden Wagens stand, kam sofort ein SS-Mann an mich heran und fragte, was ich hier zu suchen habe. Ich habe ihm daraufhin geantwortet: »Ich möchte dieser Frau den Krug Wasser geben.« Die Antwort des SS-Mannes: »Wenn Sie nicht sofort weggehen hier von dem Wagen, schieße ich Sie tot.«

Aussage Hilse Wilhelm (Willy)
Die Züge wurden, wenn sie in Auschwitz ankamen, umgespannt. Das heißt also, es wurde eine Rangierlok beigestellt, und der Zug wurde unmittelbar in das eigentliche sogenannte KG – diesen Ausdruck erwähne ich mal hier, man bezeichnete das als Kriegsgefangenenlager, das war also das eigentliche Vernichtungslager –, dort wurden die Züge sofort zugefahren. Sie wurden zurückgedrückt und kamen wieder in den Bahnhof, mit einer neuen Maschine bespannt, und wurden dann den Entseuchungsanstalten Ziemięcice-Nord oder Mysłowice zugefahren.

(206 AR-Z 15 / 63 ZStL, Auszug)
Einen großen Raum der ankommenden Transporte bildeten die sog. Judentransporte aus Ungarn. Diese Transporte waren mit großen Wehrmachtsfrachtbriefen eingegangen. Die Frachtbriefe sind mir vorgelegt worden, wurden beim Empfang in das Empfangsbuch für Wehrmachtsfrachtbriefe eingetragen und am Monatsende zur Abrechnung vorgelegt. Maßgebliche Vorschriften für den Güterabfertigungsdienst sind: Die Zugabfertigungsvorschrift und die Güterbeförderungsvorschriften für den Wagendienst. Die in Auschwitz eingetroffenen Transporte (ich denke hier nur an die aus Ungarn eingetroffenen Transporte) wurden auf dem Bahnhof in Auschwitz vom Rangierpersonal übernommen. Die Lokomotive wurde gegen eine Rangierlokomotive umgewechselt. Aus einem Beförderungszug wurde somit ein Rangierzug, mit einem eigens dafür bestimmten Rangierpersonal. Dieses bestand aus dem Rangierlokführer und Rangierheizer, dem Rangierleiter und einem Rangierer. Das Rangierpersonal setzte dann den Zug in Bewegung und brachte ihn in das Lager Birkenau. Ich selbst war im Lager Birkenau einmal um Wagenstandsgeld einzuziehen. Für das Betreten des Lagers im Komplex der Verwaltung gab es besondere Ausweise für uns Eisenbahner.

Wehrmachtsfrachtbriefe
Auf der Vorderseite war der Aufdruck »Großer Wehrmachtsfrachtbrief«, und der Frachtbrief enthielt dann alle Angaben für die Abfertigung des Wagens und die Frachtberechnung. Auf der Innenseite des Frachtbriefes, stand die Wagen- oder die Achszahl des Zuges und die Zahl der in den Zügen beförderten Personen. Dies wichtig für die Abrechnung mit der Wehrmacht oder beziehungsweise mit der Waffen-SS.
Die Wehrmachtsfrachtbriefe kamen mit dem Zug, mit dem Begleitpersonal des Zuges an. Der Zugführer des Zuges übergab mir den Großen Wehrmachtsfrachtbrief, oder, wenn ich eben nicht zur Stelle war, wurde er in der Zugabfertigung übergeben, einem Zugabfertiger. Und von dort kamen sie dann zu mir.

Hilse war nach 1945 beim Bundesbahnamt in Frankfurt am Main beschäftigt, und wohnte in der Kuhwaldsiedlung in Frankfurt am Main. Es war dieselbe Straße, in der er als Kind wohnte.